EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE ALTLANDSBERG
 

 

Kootz betrachtet


Nach dem Ende des Lutherjahres

Das Jubeljahr ist vorüber. 500 Jahre Reformation haben wir in besonderer Weise bedacht, analysiert, bewertet und natürlich gefeiert. Es war schön zu erleben, wie dieses Ereignis für viele Menschen wichtig wurde und Denkanstöße in die Gesellschaft hinein gegeben werden konnten. Was aber wird von diesen Inspirationen bleiben? 
Ich weiß nicht, wie viel in der Praxis unseres Kirchenalltags umsetzbar sein wird. Deshalb will ich lieber von meiner Hoffnung sprechen. Einer Hoffnung, die sich auf Luther und sein Verständnis von Glauben, Verkündigung und Kirche gründet. Denn auch in seiner Zeit war Kirche und Verkündigung nicht den Menschen zugewandt. Kaum jemand verstand überhaupt Gottesdienst und Predigt. Angst beherrschte die Menschen und wurde schamlos benutzt, um sie gefügig zu halten. Angst haben wir heute natürlich nicht mehr, nicht in der Kirche. Aber ist unsere Kirche heute wirklich nah genug an den Menschen und wie sieht es um das Verständnis aus? Verstehen junge Menschen noch die alten Rituale, die Kleidung, die Symbole, die Sprache? Unser Kirchenalltag ist doch auch weit entfernt vom Alltag der meisten von uns. 

Unsere Kirche ist viel zu sehr damit beschäftigt, Gebäude und Statistiken zu verwalten, anstatt die Gemeinde, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Pfarrer müssen so viel verwalten, dass ihnen  keine Kraft zur Seelsorge mehr bleibt. Und wie sind sie überhaupt dafür ausgebildet ?

Luther hat dem Volk „aufs Maul“ geschaut. Er hat verstanden wie wichtig es ist, die Sprache der Menschen zu sprechen, die da in der Kirche sind. Die etwas mitnehmen wollen in ihren Alltag. Etwas, was sie wiederfinden können in ihrem Leben, was sie trägt in ihren Nöten, was sie dankbar macht in ihren Freuden. Die Sprache der Menschen zu sprechen heißt nicht, Schlag und Modeworte zu benutzen, sondern auf nachvollziehbare Weise die Aktualität des Glaubens zu erklären.  

Vor einigen Tagen saß ich in einer Kirche. Es war Martinstag und die Kirche war voll. Viele Eltern hatten sich mit ihren Kindern eingefunden, um nach einer Einleitung durch den Ort zu ziehen. Die meisten dieser Eltern waren keine häufigen Gottesdienstbesucher, deshalb fand ich eine direkte Anrede so wichtig. Fünf Sätze zu diesen kirchenfernen Menschen, fünf Sätze, die über den Trubel hinweg im Gedächtnis bleiben. Doch Fehlanzeige. Nur Ablauferklärungen. Und die Legende von Martin für die Kinder ist in Lärm und Unruhe fast untergegangen. Das war´s.

Eine vertane Chance. Fünf Sätze, über die der Pfarrer vielleicht länger nachdenken muss als über eine ganze Predigt. Fünf Sätze, die darüber entscheiden, ob die Minuten in der Kirche etwas Bedeutung bekommen oder unter der Rubrik Kindergeburtstag sofort vergessen sind. Es ist schwer, die Menschen zu erreichen. Umso wichtiger aber ist es, keine Gelegenheit zu verpassen.

Übrigens – Heilig Abend ist wieder so eine Gelegenheit.
 


Ihr Werner Kootz


Vielen Gemeindegliedern ist Werner Kootz aus den Gottesdiensten bekannt. Großer Beliebtheit erfreuten sich seine Textbeiträge in Gemeindebriefen oder seine Ansprachen an die Konfirmanden. Hier können wir nun mehr von ihm lesen - eigene Geschichten - nachdenklich, berührend, belebend.


© Enrico Konkel