EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE ALTLANDSBERG
 

 

Kootz betrachtet


Am Wasserrad 

Es ist Abend geworden, die Dämmerung legt sich über den Tag und lässt ihn zur Ruhe kommen. Ich sitze vor meinem Wasserrad, das sich platschend  hinter mir dreht und ruhe aus. Wieder ist ein Tag vergangen, einiges habe ich getan, manches nicht geschafft, so wie es jeden Tag ist, jeden Tag in meinem Leben und im Leben all der Andern auch. Ich sitze hier an diesem Platz mit einem Glas Rotwein, das unermüdliche Wasserrad hinter mir, den kleinen Teich, der eigentlich gar kein Teich ist sondern ein Badebecken , vor mir. Der Wunsch nach einer Bademöglichkeit kollidierte mit der Vorstellung, einen Topf im Garten zu haben, etwas sehr unnatürliches in der Natur und so habe ich ihn eingegraben, bepflanzt, ein bisschen getarnt und Teich genannt. Damit kann ich nun gut leben, habe meine Freude an ihm, genieße seine Vorzüge und behalte die Illusion einer natürlichen Umgebung. Ein Ort, auch zum Besinnen ist entstanden. Hier sitze ich gern und höre das Geräusch des fließenden Wassers. Es läuft über eine Holzrinne in die Fächer des Rades, treibt es an, um es in den Graben spritzend wieder zu verlassen. Eine Pumpe schließt den Kreislauf, auch hier also nur Illusion, Theater und dennoch ursprünglich und beruhigend.

Ich sitze und denke über den Tag nach. Ein erster Stern zeigt sich am Himmel, ein Frosch quakt gegen die Abendstille an, allmählich steigt die Nacht herauf und wenn man es zulässt, kann man einen großen Frieden spüren. Im Dämmerlicht sehe ich die Zwerge von der Arbeit kommen. Sie sehen müde aus und doch sind sie fröhlich, ein guter Tag liegt hinter ihnen. Sie winken mir zu, „Hallo“, rufen sie und „Guten Abend“, aber ich muss ihre Freude dämpfen, leider, es geht nicht anders. „Ich habe euren Igel begraben müssen“, sage ich, „er hat wohl vergiftete Schnecken gefressen und nun ist er gestorben, das ist sehr traurig, aber ich habe ihm nicht helfen können“. Die Zwerge sind erschrocken, der Igel war ihr Freund und es ist schlimm einen Freund zu verlieren. Noch schlimmer ist nur, gar keinen Freund zu haben. „Wo hast du ihn begraben?“ fragt der Älteste. „Unter der Tanne, da wo er so gerne ausruhte“, sage ich, da nickt er still und sie gehen weiter. Nun sind ihre Köpfe gesenkt und ich höre den Kleinsten leise weinen. Es ist sehr traurig einen Freund zu verlieren, auch wenn man ein Zwerg ist. 

Die Nacht  hat sich ausgebreitet, still ist es geworden und doch hört man sie atmen. Ich schaue den Zwergen nach als eine Elfe an mir vorbei huscht. „Hallo“, grüße ich und sie hält einen Augenblick inne. „Ich hab es eilig", ruft sie mir zu, „ich muss nach Griechenland einer Tante etwas bringen“. „Kannst du einen Gruß mitnehmen?“, frage ich. „Natürlich“ und schon ist sie wieder auf dem Weg. „Du weißt doch nicht an wen“, rufe ich ihr nach. „aber ja“, höre ich sie antworten, „ich bin doch eine Elfe“. Nach wie vor schicke ich Grüße gern mit Elfen oder Feen, auch wenn das ein bisschen altmodisch ist. Natürlich geht es auch mit SMS oder E-Mail, doch ich finde es persönlicher. Es ist nicht gleich, womit ein Gruß befördert wird, der Transport sagt auch etwas über den Absender aus.

Draußen ist es kühl geworden. Ich stoße an die leere Flasche, es klirrt, ich schrecke auf, bin wohl ein wenig eingenickt. Ich werde schlafen gehen. Ich nehme meine Sachen, das Glas, das Kissen und gehe zum Haus. Auf dem Weg treffe ich die Zwerge. Sonderbar, denke ich, die hast du doch vorhin schon getroffen, aber ich bin zu müde um jetzt darüber  nachzudenken. 


Ihr Werner Kootz


Vielen Gemeindegliedern ist Werner Kootz aus den Gottesdiensten bekannt. Großer Beliebtheit erfreuten sich seine Textbeiträge in Gemeindebriefen oder seine Ansprachen an die Konfirmanden. Hier können wir nun mehr von ihm lesen - eigene Geschichten - nachdenklich, berührend, belebend.


© Enrico Konkel